uwewiest.de
Dr. Uwe Wiest, Dipl.-Psych.
Leiter des Schulpsychologischen Dienstes Bremen a.D.

Schule und Digitalisierung

Uwe Wiest 1. März 2018

Mir ist vor kurzem bewusst geworden, wie sich meine Verhaltensweisen beim Schreiben verändert haben. Als Jugendlicher, als Student und junger Erwachsener habe ich viel geschrieben, sechsseitige Briefe, Postkarten, Vorlesungs-Mitschriften, ich konnte zeitweise schneller mit der Hand schreiben als mit der Schreibmaschine. Im Studium hatte ich einen Karteikasten mit Stichwörtern angelegt, kleine Karten mit winzig kleiner Schrift.
Ich konnte meine Schrift gut lesen, die anderen kaum bis gar nicht. Bei Briefen gab ich mir etwas Mühe, auch hinsichtlich der Lesbarkeit an die Empfänger zu denken.
Heute schreibe ich überhaupt nicht mehr mit der Hand. Höchstens noch mal ein kleines Zettelchen „bin da und da“. Ich schreibe mit Tastatur, 10-Finger, und mit Smartphone in den sozialen Netzen.
Früher hatte ich Lexika, ich war ein Lexikon-Fan, in der gymnasialen Oberstufe hatte ich immer den Fischer-Almanach, weil unsere Schulbücher oft veraltete Zahlen und Daten enthielten. Heute hat man die Suchmaschine. Dasselbe gilt für Sprach-Wörterbücher. Die einschlägigen Internet-Seiten leisten heute so viel wie die teuersten Dictionairies. Nicht nur Wort-Übersetzungen, sondern auch Beispielsätze und 'zig Bedeutungen.
Wenn man sich über einen Ort oder ein Land informieren will, hat man die gesuchte Information ruck zuck. Mit dem PC oder dem Smartphone.
Was für eine wunderbare Zeit!
Ich habe vor kurzem gelesen, was unsere „wilden“ Vorfahren, die Jäger und Sammler alles konnten, was sie für Wissen hatten. Über Holzbearbeitung, Pflanzenarten, Verhalten bei Gefahren. Sie hatten keine Technik, keine moderne Medizin und waren weitgehend auf sich selbst gestellt. Es gab nur die mündliche Überlieferung und die Anleitungen im eigenen Stamm.
Diese Fähigkeiten sind großenteils verloren. Wir haben für alles Fachleute, Werkzeuge gibt es im Baumarkt. Für die Krankheiten die Ärzte.
Weiter geht es: Autokarten benutzt man kaum nach, man hat Navigationsgeräte. Smartphones werden als Navis benutzt, man braucht noch nicht einmal mehr ein im Auto eingebautes.
Warum soll ein Kind schreiben lernen? Es könnte doch von der ersten Klasse an ins Smartphone tippen lernen. Ansonsten reicht doch eine Unterschrift?
Warum soll ein Kind rechnen lernen? Im Smartphone ist ein Taschenrechner eingebaut. Wir sehen das schon heute: Bedienungen im Lokal, die keine drei Beträge zusammenzählen oder multiplizieren können. In einigen Lokalen muss man an die Theke zum Bezahlen gehen, weil die Bedienung ohne den Rechner schon bei kleinen Gäste-Gruppen nicht zurecht kommt. Man muss auch sagen, was man bestellt und was man verzehrt hat, die Bedienungen können sich das nicht mehr merken.
Da es heute viel weniger Anlässe zum Schreiben oder Rechnen gibt, sind manche Kinder schwer zu überzeugen, dass man diese Dinge lernen muss. Natürlich muss man sie lernen, und zwar vorrangig. Sonst geht man in den höheren Klassen baden, ganz ohne Wasser.
Man muss also genau hinsehen: wo ist das Internet, wo die digitalen Geräte, eine Bereicherung der Schule, wo sind sie hinderlich? Das ist weniger eine emotionale als vielmehr eine ganz praktische Frage. Wenn ich wissen will, wie viele Einwohner Wetzlar hat, habe ich mit dem Smartphone die Antwort schon eher als mein Weg zum Bücherschrank dauern würde, geschweige denn die Zeit des Nachschlagens eingerechnet.
Wenn ich wissen will, wie viel 16 mal 13 ist, und ich kann das Große Einmaleins auswendig, bin ich schneller als jemand die Aufgabe ins Gerät tippt. Und vor allem: ich brauche dafür gar kein Gerät. In dieser Beziehung bleibe ich lieber „ein Wilder“ und verlasse mich auf das Gelernte.
Mit dem Schreiben ist es nicht ganz so offensichtlich. Es gab und gibt für verschiedene Menschen unterschiedliche Schreib-Anforderungen. Aber: der gute Schreiber braucht kein Gerät. Er kann stromunabhängig schriftlich kommunizieren. Allerdings ist das heute wegen der grundsätzlich selteneren praktischen Anwendungs-Situationen schwerer zu erlernen. Früher war das im Alltag jedem einsichtig: wir schreiben kann, ist beweglicher und steht besser da.
Ohne handschriftliches Schreiben und flüssiges Lesen erreicht man kaum eine gute sprachliche Kompetenz. In der Grundschule muss daher Schreiben, Lesen und Grundrechnen ordentlich vermittelt werden. Der Erwerb dieser Grundfertigkeiten steht nicht in Konkurrenz zum Denken und zur Kreativität. Das Beherrschen der Grundfertigkeiten und der intelligente Umgang mit Wissen, Wissenserwerb, Informations-Verarbeitung, das bedingt sich wechselseitig.
Am besten ist natürlich diejenige oder derjenige dran, die oder der beides gut kann, Grundfertigkeiten und Umgang mit digitalen Geräten und dem Internet. Um etwas im Internet zu suchen, muss ich wissen, wonach ich suche und wo ich es finde. Um richtig mit einem Taschenrechner oder der Tabellenkalkulation umzugehen, muss ich eine Größenvorstellung von Zahlen und Mengen haben.
Sicher hat jemand in der Englisch-Arbeit einen Vorteil, wenn er das Smartphone benutzen darf. Aber auch da gilt: wer schon viele Vokabeln und Redewendungen gelernt hat, muss weniger nach diesen Hilfsmitteln greifen und sucht gezielter, ist schneller.
Insofern wird es sich nicht durchsetzen lassen, dass Schüler ab Klasse 5 kein Smartphone benutzen dürfen. Was sie nicht sollen, ist herumdaddeln und nicht aufpassen, wenn der Unterricht läuft. Das ist es eben, nicht der Gebrauch von digitalen Geräten in Minuten und Stunden ist das Entscheidende, sondern wozu sie gebraucht werden. Alles andere ist ideologische Erbsenzählerei. Es ist nicht die Frage, wie viel Zeit jemand am Computer verbringt, sondern was er damit macht.