Blogger vom Hogger

Liest sowieso keiner?

32. Wann kommt der Super-Gauck?

Super-Gau, das war und ist die Apokalypse unsicherer Atomkraftwerke. Wann kommt der Super-Gauck? Jetzt ist er es noch, unser Super-Gauck, aber es kann schon bald zum Super-Gauck kommen. Wie bei einer Super-Nova. Kurzes Aufleuchten, dann Zusammenbruch. Unser neuer Bundespräsident ist offen und kantig. Pass auf, mein Lieber, ein falsches Wort, eine Stellungnahme, die nicht alle zufriedenstellt, und sie graben Kleinigkeiten aus deinem Privatleben aus oder alte, aus dem Zusammen­hang gerissene Redewendungen, diese Aufklärer-Journalisten. Sie haben es ja schon ein bisschen probiert. Dann bis du gar nicht mehr der Liebling der Nation. Dann hast du schon immer alles falsch gemacht. Siehe Nr. 21.

Guck dir das Schicksal von Günter Grass an: Aufklärer gegen den Nationalsozialismus, hinreißender Romanautor, Nobelpreisträger, der Liebling der sozialdemokratisch geführten Nation – und nun ein Antisemit mit Einreiseverbot in Israel. Und Gedichte schreiben kann er auch nicht. Meint Herr Meyer vom Dorfstedter Kreisblatt. Oder der Kollege, der bisher nicht so geehrt worden ist, wie er oder sie sich das gewünscht hat.

Sag vor allem nie etwas gegen Israel oder die israelische Regierung. Israel ist die Verkörperung des Guten und Richtigen schlechthin. Kritik an Israel ist böse, ganz ganz böse. So böse wie die die Deutschen mal waren. Aber die wollen nun immer und endgültig die Guten sein. 08.04.12

31. Grass wachsen lassen

Günter Grass. Dieser kritisiert die Absicht des Staates Israel, den Iran anzugreifen, und erntet nicht nur geifernde Gegenreden, sondern die reflexhafte Herstellung des Zusammenhanges zu seinem Bekenntnis, als junger Mann in der Waffen-SS gewesen zu sein. Zwei Mal ist er in jüngster Zeit in die Öffentlichkeit gegangen, jetzt bekommt er das um die Ohren gehauen. Man darf sich nicht darüber hinwegtäuschen, dass bestimmte Dinge in Deutschland nicht ruhig und sachlich diskutiert werden können, weil sie tabu sind. Es genügen bestimmte Vokabeln, um einen Sturm der Entrüstung auszulösen, und das ist auch nicht durch beschwichtigende und differenzierende andere Sätze abzufedern. Die Kritiker haben das Grass-Gedicht nicht ordentlich gelesen, das Sarrazin-Buch wurde nicht ordentlich gelesen, die Mohammed-Karikaturen wurden gar nicht erst angesehen geschweige denn verstanden. Es reicht, zu wissen: jemand hat gegen irgendjemanden, irgendetwas, geredet oder gezeichnet, und die Wut ist einfach da!

Jeder Provinzredakteur kippt noch ein bisschen pseudoausgewogenes Gesuhle über Günter Grass aus und verbeugt sich vor der israelischen Regierung. Und die reagiert entsprechend. Günter Grass ist jetzt in Israel eine unerwünschte Person. Damit jeder weiß, wie ihm geschieht, wenn er in unserer freien Gesellschaft Israel kritisiert.

Da muss ich auch gleich denken: „Hoffentlich meint nun niemand, ich sei für Grass, für Sarazzin oder finde es richtig, den Propheten zu diffamieren. Nein, nein, bitte bitte, das habe ich doch gar nicht gesagt das war doch nicht meine Absicht, ich habe doch nur gemeint, ich wollte doch nur ein bisschen darauf hinweisen, bitte nicht böse sein...“ Wwwwatttttsch.

Günter Grass hat die Wende zu Willy Brandt unterstützt. Er hat wunderbare Literatur geschrieben. Er ist Nobelpreisträger. Haltet mal die Luft an, ihr Mehrheitsquatscher, ihr literarischen Neidhammel, ihr Tagespolitikschreiberlinge, ihr Wutbürger, ihr Angsthasen an der falschen Stelle. Ach ja, immer hin gibt es auch noch Jakob Augstein.

Nicht Gras über Grass wachsen lassen, sondern die Anerkennung für Grass wachsen lassen.

Was ist denn, wenn Israel wirklich einen großen Krieg, einen „gerechten“ Krieg, auslöst? So einen richtigen Flächenbrand? Davor hat doch auch die US-Regierung Angst. Erinnern sich die Leute dann noch gern an ihre mutige Grass-Kritik? 08.04.12

30. Datenschutz und Selbstoffenbarung

Im Zusammenhang mit den sozialen Netzwerken wird die Frage des Schutzes persönlicher Darstellung kontrovers diskutiert. In der Tat: man kann nicht beides haben: sich in der Öffentlichkeit zu offenbaren und Interesse finden, aber sich damit auch angreifbar machen - oder im Web nicht vorhanden zu sein. Besonders putzig ist es, wenn man Angst um seine unauslöschliche Präsenz in eben diesem Web hat, aber niemand einem Aufmerksamkeit schenkt.

Na gut, in meinem Alter ist das nicht mehr so wichtig, ich muss mich bei keinem Personalchef mehr vorstellen, und schon gar nicht als Leiterin eines konfessionell gebundenen Kindergartens. Es ist eben die Frage, will ich als eine Person mit Profil erscheinen oder als unbeschriebenes Blatt? Gestehen Leute, die sich für mich interessieren, mir eine Entwicklung zu, oder wühlen sie gern in der fernen Vergangenheit, um mich abzuwerten?

Wenn dieses geschieht, wie stehe ich denn selber dazu? Wie bewerte ich heute das, was ich geschrieben oder getan habe? Finde ich, dass dieses auch heute noch eng zu meiner Person gehört? Oder schüttle ich heute, aus meiner jetzigen Sicht, über mein Damals den Kopf? Oder sehe das differenzierter? 08.04.12

29. Was sagt das „www“ dazu?

Das Kreuz mit dem Kreuz. Von Hanspeter Schmutz

Ein wie ich finde differenzierter Aufsatz, die entscheidenden Bibelstellen werden zusammengetragen und der historische und damalige juristische Kontext beleuchtet. Gefunden am 03.04.12

Wohin sollen wir gehen? Dietrich Schirmer über die gesellschaftlichen Implikationen der Nachfolge Jesu im Lukas Evangelium. Bemerkenswert die Abhandlung über die Rolle der Frau. Gefunden am 03.04.12

„Das Kreuz mit der christlichen Erlösungslehre“ von Armin Krakolinig, Initiative Mitternachtsruf. Das ist eine Endzeit- und Erweckungsbewegung. Ich finde den Artikel unabhängig von der Orientierung dieser Gesellschaft sehr informativ, macht er doch deutlich, dass Jesus mit dem Kreuzestod nach den ursprünglichen Zeugnissen des Neuen Testaments eine einfache Botschaft hatte: dass Jesus „als ein großes Vorbild für einen treuen Zeugen der Wahrheit zu sehen sei, der bereit wäre für Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Gehorsam Gott gegenüber und für echte Liebe Menschen gegenüber lieber selbst in den Tod zu gehen, als nur im Geringsten von diesen Prinzipien abzuweichen (Phil. 2,5-8). “ Im folgenden wird dargestellt, wie Kirchenväter, Philosophen, Reformatoren immer mehr und immer andere Bedeutungen in die Passion hineingelegt haben, vor allem diese krausen Annahmen, jemand habe die Sünden der Menschheit auf sich geladen, um den zornigen Gott zu besänftigen, oder Gott hätte sich irgendwie selbst geopfert, um sich mit der sündigen Menschheit zu versöhnen.

Das Christentum hat sich mit diesem Mythologiezeugs überfrachtet, damit die Religionsgemeinschaft sich konkret nicht anständig zu benehmen braucht und alle Sauereien weitermachen kann, die die Menschheit immer schon gemacht hat. Aber das ist eben das Problem: das Christentum ist eben nicht die reine Lehre von der Menschenfreundlichkeit, und weil nicht klar auf der Hand liegt, wie die Botschaft heißen könnte, gibt es zum Beispiel auch diesen Mist im Internet: vom „Bischof“ Williamson: für den ist die Hauptbotschaft der Passion Antisemitismus. Man riecht förmlich die Inquisition.

So, zwei Blöcke zum Karfreitag müssen reichen. 03.04.12

28. Die Tragik des Christentums. Mein Wort zum Karfreitag.

Im Christentum ist die Passion des Jesus von Nazareth von zentraler Bedeutung. Umso erstaunlicher ist, dass Folter und Hinrichtungen im christlichen Einflussbereich nicht abgeschafft und geächtet wurden, sondern jahrhundertelang als legitimes Mittel gegen zu Feinden der Kirche erklärte Menschen galten – bis zur säkularen Erklärung der Menschenrechte.

Nun kann man das damit begründen, dass das Christentum korrumpiert wurde durch die Entwicklung zur Staatsreligion. Es sei eben nicht das echte, wirkliche Christentum, das man im Mittelalter und in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit praktiziert hat. Alles wurde gerechtfertigt, das Verbrennen von Ketzern, die Ausrottung von sogenannten Heiden in anderen Ländern, die Sklaverei der aus Afrika Verschleppten. Absurd die Kriminalisierung der Abtreibung kombiniert mit der Befürwortung der Todesstrafe, wie von amerikanischen rechtskonservativen Christen gefordert und, wo sie Einfluss haben, praktiziert. Es gab Kreuzritter und in jüngster Zeit (Libanon) christliche Milizen! Die Achtung vor dem Leben und der Unversehrtheit des Mitmenschen ist keine zentrale Botschaft des Christentums.

Ist das ein Missverständnis? Ich meine, der Grund für die Irrelevanz der Menschenrechte für das Christentum liegt woanders, nämlich in der Aussage, Jesus von Nazareth sei gar kein richtiger Mensch gewesen, sondern Gott. Er unterscheidet sich vom Menschen durch seine unbefleckte Empfängnis (!), er ist ohne Sünde, er ist nicht wirklich sterblich. Man kann ihm Schmerzen bereiten, aber nicht wirklich umbringen. Für ihn war das Ganze ein sehr, sehr hartes Spiel, aber eben nur ein Spiel. Menschen verrecken am Kreuz oder auf dem Scheiterhaufen wirklich und endgültig. Da nützen auch Nebelkerzen wie „Wahr Mensch und wahrer Gott.“ nichts. Dieser so vorgestellte Jesus ist keiner von uns.

Deshalb durfte man ihn nicht quälen und töten, dagegen den Menschen, der ja etwas ganz anderes ist, sündig, befleckt, sterblich, umso mehr. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. So mit Jesus umzugehen war ein Skandal, dasselbe mit Menschen zu tun ist in Ordnung. Der Vorwurf der Passion ist: Die Römer und die Juden haben es mit dem Falschen gemacht. Nicht: Folter und Mord durch die Obrigkeit ist per se verbrecherisch. „Nicht diesen, sondern Barabam!“

Würde Jesus im Christentum als Mensch wie du und ich angesehen, hätte die zentrale Botschaft sein müssen, den Menschen zu achten und nie wieder so etwas mit Menschen zu tun, was da in der Passion geschehen ist. Das wäre eine wirkliche Hammerbotschaft gewesen, die die Welt verändert hätte.

Die Alternative: wenn Jesus Gottes Sohn ist, hätten die Kirchen auch alle Menschen zu Gottes Kindern erklären können. Das können sie immer noch! Auch dann hätte die Passion auf alle Menschen generalisiert werden müssen. Nie wieder Legalisierung von Terror und Mord durch die Obrigkeit. Jeder Mord an Menschen ist Mord an Gott.

Liebe Christen, es ist immer noch Zeit, die Trennung zwischen Jesus und der übrigen Menschheit aufzuheben. Dann macht auch das Kruzifix in den Altarräumen und am Wegesrand Sinn. 02.04.12


27. Starke Gefühle und Psychologie

Ich komme noch mal auf Gordon, Familienkonferenz, zurück. Gordon empfiehlt ja, sich spontan und normal zu verhalten, unpsychologisch, wenn man miteinander keinen Konflikt hat. Partymäßig gehe ich nicht ständig auf Leute ein oder verhalte mich mit Ich-Botschaften. Um Gottes Willen, ich mache Spaß, ich rede Quatsch, ich predige mal, ich erzähle etwas, gebe Meinungen von mir, oder ich mache mal gar nichts.

Das Fatale ist ja, dass man sich, wenn man gerade keinen Stress hat, ganz gut psychologisch verhalten kann, wenn man es überhaupt kann und nicht so ein Typ ist, der oder die andere mit seinen/ihren Lieblingsthemen vollquatscht. Aber wenn man so richtig sauer oder traurig ist, dann fällt es einem besonders schwer, psychologisch zu sein. Oder wenn man stark verliebt ist.

Insofern ist die Empfehlung paradox: wenn du ein Problem hast, sende Ich-Botschaften (“Das macht mich jetzt aber sehr wütend“ statt aggressiv „Sie blöder Kerl“ oder beschwichtigend „Wir wollen doch jetzt mal alle fair bleiben“), denn die starken Gefühle wollen entweder unterdrückt sein – ich will mir keine Blöße geben – oder sie kommen hemmungslos raus, wenn man erst den Korken aus der Flasche gezogen hat. Der böse Geist, der partout nicht in die Flasche zurück will. Letzteres fürchten die meisten, wenn sie einen Konflikt haben oder die Gefühle stark sind, und sie halten sich sicherheitshalber zurück. Die andere Seite kann dann unter Umständen nicht sehen, was mit einem los ist. Höchstens an der Mimik oder der Stimmführung. Die meisten haben Angst, wenn sie die Gefühle in irgendeiner Form ausdrücken, dass sie dann davon überwältigt werden und die Fassung verlieren, sich blamieren.

Also: es ist ein langer Weg des mutigen Übens mit den Ich-Botschaften, und keineswegs ein Rezept, dass man sich mal anliest oder in einer Fortbildung hört und dann locker umsetzt. Ich kann es auch nicht immer, oh nein! 11.03.12

26. Ich-Botschaften

Wie drücke ich mich aus, wenn ich mit anderen ein Problem habe? Wie kann ich heftige Gefühle äußern, ohne dass die Konfliktsituation sofort eskaliert? Thomas Gordon hat in seinen Büchern über Mediation (Familienkonferenz, Lehrer-Schüler-Konferenz und andere) den Begriff „Ich-Botschaften“ geprägt: für Äußerungen in Konflikten, die die eigene Gefühlslage zum Ausdruck bringen, ohne die andere Person anzugreifen. Das Konzept geht nach meinem Verständnis auf den Psychothera­peuten Carl Rogers zurück. Der hatte postuliert, dass ein in der Therapie gereifter oder überhaupt seelisch gesunder Mensch in der Lage ist, sich in Anwesenheit ande­rer zu öffnen und mit sich selbst auseinander zu setzen. Der Gegensatz: Fassadenhaftes Verhalten. So tun als hätte das alles nichts mit einem zu tun, die eigene Sichtweise als objektiv richtig darstellen, andere angreifen, kränken, beleidigen und dabei selber dicht machen.

Gordon wollte diesen offenen flexiblen Umgang mit sich und anderen, auch und gerade in Konfliktsituationen, in den Alltag übertragen. Das ist ein Problem. Denn „Ich-Botschaften“ kann man nicht einfach anwenden. Dazu braucht man eine bestimmte Haltung und Übung. Jedenfalls die meisten benötigen das.

Ich-Botschaften sollen einem den Umgang mit aggressiv aufgeladenen Konflikt-Besprechungen erleichtern. Es sollen die Dinge ausgesprochen werden können, die einen bedrücken und aufregen, die man nicht annehmen kann und die man zurückweisen möchte. Die Gefühle sollen klar und ungeschönt zum Ausdruck kommen, ohne dass das Gegenüber attackiert und beleidigt wird. Verstanden wird das Prinzip „Ich-Botschaften“ aber in der pädagogischen und sozialpädagogischen Welt oft als „Weich-Ei-Prinzip“, als Methode der Beschwichtigung. Das kann nicht funktionieren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man Dinge viel offener und heftiger aussprechen kann, wenn man sie als Ich-Satz formuliert, anstatt grob anzugreifen. Ich will es mal ganz profan sagen:

„Ich lasse die Sau raus, aber sie rennt andere nicht um.“

Das muss man aber erleben und üben!

Bei künftigen Trainings-Veranstaltungen über Gesprächsführung werde ich darauf einen Akzent setzen.

Übrigens: Ich-Botschaften, wenn man sie kann, sind auch toll bei positiven Gefühlen! Dazu vielleicht mal später.

9.03.12

25. Wulff-Syndrom.

Ja, noch mal. Ich möchte meinem Kommentar Nr. 23 mittlerweile ein wenig widersprechen. Er hat sich ja nicht mit BILD angelegt, weil er grundsätzlich mit deren Bericht­erstattung nicht einverstanden ist, sondern weil es IHN betraf. Es ging ihm nicht um den Umgang bestimmter Medien allgemein mit Menschen, sondern mit ihm, den amtierenden Präsidenten. Er hat aus seinen Fehlern in der Zeit vor seiner Präsidentschaft auch nichts gelernt. Er ist und bleibt kleinkariert und egozentrisch und „sparsam“. Alles mitnehmen. Wenn er doch jetzt ein paar Abstriche von seinen zu erwartenden Einnahmen gemacht hätte, auf den Zapfenstreich verzichtet oder etwas für Bedürftige gespendet hätte! Ein paar arme Kinder in den Urlaub fahren lassen. Vielleicht bei reichen Unternehmern nächtigen lassen, die Beziehungen hat er ja. Nein, keine Signale, dass er ein bisschen Persönlichkeit hat.

Es gibt so viele sozial engagierte Menschen in unserem Land. Zum Beispiel gibt es Trägerinnen und Träger des Bundesverdienstkreuzes. Frau Merkel hätte die Möglichkeit gehabt, eine integre Persönlichkeit auszuwählen. Das mit dem Ehrensold ist nicht der Punkt. Wie wäre es, wenn man bei der Kandidatenkür zur Auflage macht: keine Parteipolitiker? Dann gibt es auch keine Ränkespiele, im Sinne von Versuchen, Konkurrenten abzuschieben. 8.03.12

24. Sind wir nicht alle ein bisschen griechisch?

Im Spiegel-online kann man nachlesen, dass griechische Zeitungsleute, Fernsehmoderatoren und Karikaturisten den Deutschland-Hass schüren. Man kann außerdem in den Kommentaren dazu lesen, dass der Ball an „die Griechen“ zurückgespielt wird. „Die“ sind selber schuld. Ich meine: das nationalstaatliche Denken ist der Punkt. Es gibt nicht „die Griechen“ und „die Deutschen“, allenfalls Gruppentrends, und wenn du Glück oder Pech hast, dann wirst du in die richtige Gegend und die richtige Zeit geboren. Wenn du Pech hast, das Gegenteil. Als junger gebildeter Mensch mit Ehrgeiz und Kreativität hast du einfach keine Chance, wenn du in Somalia, in Syrien oder jetzt meinetwegen auch in Griechenland geboren wirst. Außerdem entwickelst du in der relativ aussichtslosen Umgebung vielleicht Strategien, die dich nicht besser machen. Vielleicht nehmen sie manchem in Griechenland jetzt zu Recht Geld weg, aber anderen eben zu Unrecht, solche Krisen sind wie die biblische Sintflut, alles in der Gegend wird ersäuft oder ausgedörrt.

In Westdeutschland wurde offiziell und inoffiziell das Leid der Teilung beklagt, aber die Westdeutschen haben gern die ostdeutschen Waren gekauft, die die Ostdeut­schen nicht kaufen konnten. Gut und billig. Ach ja, ich denke genauso kategorial. Die Sache ist ja eigentlich noch einfacher. Jeder will seinen kleinen Vorteil und wird böse, wenn der infrage gestellt wird. Nicht mehr und nicht weniger. Dieses Kategorisieren ist notwendig, um im Leben zurechtzukommen, aber auch eine ganz gefährliche Sache, die im Extremen zu Massenverbrechen führt. Weil die anderen immer Schuld sind. Ich möchte die Dinge differenziert und nachdenklich betrachten. Zumal ich immer wieder das Gefühl habe, sie nicht richtig zu durchschauen. Darum habe ich hier auch so lange nichts mehr geschrieben. Wieso werden die Griechen eigentlich immer ärmer, wenn wir ihnen Geld zur Verfügung stellen? Und auch ärmer, wenn wir ihnen kein Geld zur Verfügung stellen? Welche Griechen? Ich habe den Verdacht, das einige, nicht nur Griechen, an dem ganzen Euro- und Rettungskram wahnsinnig verdienen. Wieso kommt bei uns im Lande bei der Mehrheit so wenig Zuwachs an, sondern eher im Gegenteil, obwohl wir Wachstum haben?

Es macht mir manchmal auch keinen Spaß mehr, Zeitung zu lesen, weil hier immer pauschale Begriffe wiederholt werden, die genau auf dieses platte Kategorisieren hinauslaufen. Zum Beispiel „die alternde Gesellschaft:“ Der treffendere Ausdruck wäre: „Die kinderarme Gesellschaft“. Denn nicht zu steigende Lebenserwartung ist das Problem, die war im übrigen vorhersehbar, was Renten- und Pensionsansprüche angeht, liebe Politiker. Von der Hand in den Mund und auf Pump wirtschaften und dann wegen der Ergebnisse runde Augen machen, das kommt nicht gut. Die nichtpyramidale Alterspyramide kommt ja doch viel stärker dadurch zustande, dass die Leute zu wenig Kinder kriegen. Die Gesellschaft ist nicht kinderfreundlich genug. Was wäre denn, wenn wir auch immer weniger Alte hätten? Ein leeres Land?

So, mehr schreibe ich jetzt nicht. Sonst wird das hier auch zur „Kläranlage des Geistes“ (Birkenbihl). Übrigens, ich betreibe das jetzt wieder täglich, 10 Minuten schreiben, was mir in den Sinn kommt. Das tut gut. Ich höre mir zu. 17.02.12

23. Christian, du bist einer von uns. Bleib, Christian.

Mir wird Christian Wulff immer sympathischer. Er verhält sich so wie die meisten von uns Deutschen: moralisieren und sich in eigener Sache hier und da ein paar Unredlichkeiten gönnen. Und an die höheren Werte glauben. An die Freundschaft zum Beispiel.

Freundschaft setzt alles außer Kraft. Selbst wenn es der Boss von BILD ist. Man bietet eine Leistung und man kommt sie nicht nur nicht zurück, sondern der andere tritt einem ans Schienbein, weil es ihm nützt. Wie alltäglich! Wie gemein! Wulff ist so herrlich wie du und ich, er sollte Präsident bleiben. Ein Präsident der Kleinbürger. Lernfähig ist er auch. Endlich hat er's begriffen: „Springerpresse halt die Fresse!“ haben wir doch früher gern gerufen. Nun sagt es der Präsident auf die Mailbox. Christian, halte durch! Ich empfehle dir meine Übung ALLES FALSCH (Nr. 21).

Die ganze Aufregung soll natürlich richtig schlimme Schweinereien verdecken. Zum Beispiel die Rente mit 67. Das ist eine miese Rentenkürzung, nichts weiter. Selbstverständlich geht es nicht darum, ältere Arbeitnehmer wirklich arbeiten zu lassen. Gibt es eigentlich Betroffene, die CDU wählen? Slogan: Alt und Arm? Na klar. Manche merkeln eben nichts. 04.01.12

22. Vera Birkenbihl †

hat die Freude durch Stress (gleichnamiges Buch, 1979), den Eu-Stress erfunden. Das hat mich damals sehr beeindruckt, mittlerweile sind diese Sichtweisen ja geläufig, auch wenn es vielen Menschen nicht gelingt, Stress positiv zu bewerten. Frau Birkenbihl überzeugt durch ihre muntere Schreib- und Redeweise, sie ist tiefsinnig und humorvoll. Besonders faszinierend fand und finde ich ihr Buch „Der Birkenbihl-Powertag“ (1999), da reiht sich eine Erkenntnis und Erfahrungsmöglichkeit an die andere. Ich habe es am Strand auf Fuerteventura gelesen. Auf Seite 113 ist eine Sure abgebildet. Da kam ein afrikanischer Schnickschnack-Verkäufer, sah das und fragte mich gerührt, ob ich ein Moslem sei. Sehr zutreffend fand ich ihre Darstellung, dass die meisten Menschen ihre Gesprächspartner als „Kläranlage des Geistes“ benutzen. Platt ausgedrückt: mit dem eigenen Gedankenmüll volltexten. Gegenmittel: zehn Minuten täglich eigene Gedanken nonstopp niederschreiben. Dann kann man wieder ordentliche zugewandte Gespräche mit anderen führen.

Vera Birkenbihl verstarb am 9. Dezember. Durch die Todesanzeige erfuhr ich, dass sie wie ich im Großraum Bremen gelebt hat.

Hier die Verknüpfungen mit zwei Videos, die einen guten Eindruck von ihrer anregenden Erkenntnisvermittlung geben. „Viren des Geistes“ und „Von null Ahnung ...“

Vera Birkenbihl hat Sarrazin verteidigt. Nicht inhaltlich, sondern wegen der aufgeregten Ignoranz in der Medienwelt. „Mit Schaum vor dem Mund kann man nicht diskutieren.“

Eine menschenfreundliche Querdenkerin hat uns verlassen. Ich fühle Dankbarkeit für das, was sie mich mit ihren Büchern gelehrt hat. 21.12.2011

21 Selbstvorwürfe ad absurdum führen: ALLES FALSCH!

Menschen, die zum Perfektionismus neigen (Enneagramm, Typ 1, ganz unten), sowohl was andere Menschen als auch sie selbst betrifft, leiden gelegentlich unter Selbstvorwürfen. Besonders unpassend: wenn man abends einschlafen will oder morgens, wenn man zu früh aufwacht. Ich neige auch dazu, und ich habe gemerkt, dass sogenanntes positives Denken dabei wenig hilft.

Dagegen funktioniert die übertreibende Methode, zumindest bei mir, sehr viel besser. Ich sage laut und immer wiederholend:

Ich habe ALLES FALSCH gemacht. ALLES. ALLES, aber auch ALLES habe ich FALSCH gemacht. AL-LES FALSCH! Mein ganzes Leben: ALLES FALSCH! Und ich mache auch jetzt gerade wieder ALLES FALSCH. Was ich auch immer tue, ich mache es FALSCH. Ich werde auch künftig ALLES, aber auch ALLES FALSCH machen!“ Undsoweiter.

Dabei ziehe ich übertrieben verzweifelte Fratzen, rolle mit den Augen, ringe meine Hände, balle die Fäuste ...

Die Aussage ist natürlich selber falsch, man kann gar nicht alles falsch machen, irgendetwas macht jede und jeder richtig.

Die Sätze sind sozusagen eine enorme Erlaubnis und ein Bekenntnis zur Unvollkommenheit, und das Herunterkommen vom pseudo-perfekten Sockel. Sie bewirken offenbar auch Selbst-Vergebung. Also, bei mir ist der Effekt hervorragend, unerwünschte Selbstzweifel geraten in den Hintergrund, und ich bekomme eine heitere entspannte Stimmung. Also, dafür das ich ALLES FALSCH mache, geht es mir eigentlich ganz gut.

Man sollte das alleine praktizieren und seinen Partner damit nicht erschrecken. Manche sagen so etwas auch, um die Partnerin oder den Partner matt zu setzen, wenn einem Vorwürfe gemacht werden. Das ist ein kein gutes Manöver, weil es eine konstruktive Auseinandersetzung untergräbt.

Man sollte das auch nicht machen, wenn man gerade schwer depressiv ist und sowieso glaubt, dass man alles falsch macht. Oder vielleicht doch? So etwas Schlimmes laut freiwillig aussprechen? Sich dazu bekennen? 09.12.11

20 Noch mal: Finanzkrise

Offensichtlich ist es so, dass bestimmte Glaubenssätze nicht oder noch nicht infrage gestellt werden:

„Durch die demografische Entwicklung, das längere Leben, sind die Renten und Pensionen nicht mehr finanzierbar. Sie müssen gekürzt werden. Der Staat kann sich auch die Höhe der Gehälter von Kindergärtnerinnen, Polizisten, Lehrkräften und Verwaltungsbeamten nicht mehr leisten, denn die Kommunen haben immer weniger Geld. Da ist es doch selbstverständlich, dass die staatlichen Leistungen gesenkt werden und die Gebühren für den Bürger erhöht werden.“ Soso.

In letzter Konsequenz ist das die Forderung nach Verschwinden des Staates und die Korrumpierung der Verlässlichkeit des Staates. Und es ist gleichzeitig eine klare Wertschätzung: Leistungen mit staatlichem Hoheitscharakter haben wenig Ansehen, die Interessen von Spekulanten mit Schlips und Kragen, finanzielle Absahner und ihre Institutionen haben ein hohes Ansehen. Superreiche, für mich sagen wir mal, ab 100 000 € monatliches Privateinkommen, legen ihr Vermögen, an, das heißt, sie tun unter Umständen gar nichts und werden immer reicher. Das zählt, und das unterstützt unser System. Immer mehr rausholen auf Kosten der Allgemeinheit. Reelle Arbeit gilt nicht viel. Hilfe! Mindestlöhne treibt die Unternehmen ins Ausland.

Was ich eigentlich sagen will: es gibt keinen fixen Geldpott, keine endliche Menge, aus dem dann die Renten und andere Leistungen bezahlt werden müssen. Wie wir bei der Unterstützung der Banken gesehen haben, ist sofort Geld da, und es wird sofort umverteilt, wenn die Politik das für richtig hält. Es gibt auch gar keine Staatsverschuldung! Das ist eine Fiktion, Sand in unseren Augen. Staatsverschuldung ist eine Sache der Buchung und kein Naurgesetz. Die richtigen Buchhalter könnten sie sofort verschwinden lassen! Wir könnten die Renten erhöhen, kein Problem, richtig und satt. Geld in die Kultur pumpen. Keine dicken Opernhäuser bauen und die Künstler schlecht bezahlen! Umgekehrt! Gut bezahlte Künstler in Schlicht-Theatern auftreten lassen. Krankenhäuser mit ausreichend Personal und ohne Stress-Schichten und Hygiene-Katastrophen. Natürlich nur, wenn das gewollt ist. So, den Rest überlegen Sie sich mal selbst. Weg mit den Glaubenssätzen, die uns wie Naturgesetze eingepredigt werden!

Ojeoje, jetzt muss ich mich eigentlich schon wieder zurücknehmen. Es gibt sehr kreative Leute, die bauen Unternehmen auf, kreieren nützliche und begehrte Produkte, die sind für die Wirtschaft unumgänglich, und die sollen auch tüchtig verdienen. Also, darum geht es mir nicht. Es geht mir um das „Verdienen“, wenn man eigentlich nichts verdient, sondern nur hat. Auf Kosten der Gemeinschaft. Und wir nehmen das als naturgegeben hin.

Wir sind vom Wirtschaftswunder der Fünfziger: Credo: Einige verdienen sehr viel, die Vielen bekommen auch was ab – übergegangen zum Credo: einige verdienen noch viel mehr, die Vielen dürfen und müssen zurückstecken. Das kann so nicht laufen! 27.11.2011

19 Was Reinhard Tausch uns zu sagen hatte.

Ein Höhepunkt der Geburtstagsfeier im Gästehaus an der Rothenbaumchaussee 34 war das Interview, das Reinhard Tausch Friedemann Schultz von Thun gegeben hat. Reinhard blickt nicht stolz und passiv auf seine großartigen Leistungen zurück. Er lebt und arbeitet jetzt. Was länger als fünf Jahre zurück liegt, beschäftigt ihn nicht in der Gegenwart, sondern seine laufenden Projekte. Er führt ein normales Leben. Auch seine Urlaube mit Carl Rogers waren – normal eben. Zusammen planen, was machen wir heute? Wie andere Leute das auch tun. Ein Mann von seiner Bedeutung braucht kein Guru-Getue. Wie angenehm. Die Redner und die anderen Gäste hingegen sprühten vor Dankbarkeit und Bewunderung.

Die heutigen Doktorandinnen und Doktoranden hatten ein herrliches Tortenbüfett bereitet, und es gab abends appetitliche Häppchen. Wir hatten anregende Gespräche und haben viele Details aus Reinhards Leben erfahren, und wir erinnerten uns an die Aufbruchszeit Ende der Sechziger Jahre. Ich habe ein Jahr als Assistent im 3. Stock im Haus gleich nebenan gearbeitet. Die Rothenbaumchausee hat wunderbare Gründerzeit-Fassaden. 6.11.2011

18 Reinhard Tausch wird morgen 90 Jahre.

Und ich bin zu seinem Doktorandenfest eingeladen. Er hat sich um die personenzentrierte Therapie und die Verbesserung der Beziehungen in der Schule verdient gemacht. Seine Forschungen waren bahnbrechend. Zusammen mit seiner Frau Anne-Marie hat er zwei Standardwerke geschrieben: Gesprächspsychotherapie und Erziehungpsychologie. Beide Bücher hat er über Jahre immer wieder vollständig überarbeitet, angepasst auch an die eigene wissenschaftliche und persönliche Entwicklung. Denn eines war er nicht: Statisch. Dynamisch und offen für andere Einflüsse entwickelte er seine Konzepte immer weiter.

Als ich nach dem Diplom eine Allerwelts-Stelle antreten wollte, hat er mich gefragt, ob das in meinem Sinne sei, irgendetwas zu machen, um Brötchen zu verdienen. Das war sehr hilfreich. Er unterstützte meine Bewerbung als Schulpsychologe nach Bremen, und mit seiner Hilfe habe ich den für mich schönsten und passendsten Beruf ausgeübt. Beratung, Therapie, Diagnostik, Lehrerfortbildung, Supervision, schulnahe Forschung, das alles konnte ich in Bremen betreiben. Und ich habe in der psychoanalytisch dominierten Szene das Gesprächstherapie-Fähnlein tapfer hoch gehalten.

Reinhard Tausch war ja nicht nur an Psychotherapie und Kommunikation interessiert. Es ging ihm auch um eine bessere Vermittlung von Wissen, zum Beispiel um die Veranschaulichung von Unterrichtsinhalten. Er dreht damals Lehrfilme – wie einfach ist das heute mit „Youtube“! Die Bremer Fachleiter regten sich furchtbar über Tauschs Konzepte und Filme auf, wir haben uns vor einer Lehrerprüfung mal gewaltig gestritten, ich als Tausch-Schüler musste fürchterlich herhalten – und wir hatten die arme Lehramtskandidatin draußen fast vergessen.

Er interessierte sich auch für das Erlernen des Lesens, das war dann auch Thema meiner Dissertation. Lesen Lernen im Vorschulbereich. Als Schulpsychologe bin ich da am Ball geblieben, habe Lese- und Schreibtests entwickelt und mich um das Training gekümmert. Vieles davon finden Sie auf uwewiest.de.

Eine wesentliche Neuerung in der Psychotherapie war die Einführung der Audio- und Video-Aufnahme-Technik in die Psychotherapie und in den Unterricht. Psychotherapie wurde öffentlich gemacht. Aber nicht wegen der Rat Suchenden, sondern der Therapeuten. Auf dem Videos waren nur die Therapeuten zu sehen! Ganz im Sinne der Rogers-Tausch-Maxime: Die messbare Verwirklichung der drei grundlegenden Dimensionen des Therapeuten-Verhaltens, darauf kam es an.

Mir kam die Gesprächstherapie wesensmäßig sehr entgegen, ich hatte es sehr schnell „drauf“, Gedanken und Gefühlsäußerungen anderer empathisch wiederzugeben und auch bildreich zu umschreiben. Das war richtig mein Ding. Bis zum heutigen Tag. Ich bringe die Leute fast immer dazu, ihre eigenen Gedanken neu und spannend zu finden. Danke, Reinhard! 5.11.2011

17 Meditation, Sekten, Stress, ich will hier nicht sein

Vor fast zwanzig Jahren habe ich mit meiner Olivetti Reiseschreibmaschine (die kam noch vor der Olivetti-Bildschirmschreibmaschine) eine Satire geschrieben. Auf jener Maschine habe ich auch meine Dissertation und meine Bücher getippt. Was waren das für Zeiten. Wenn man sich verschrieb, gab es Tipp-Ex, und wenn man Absätze verändern wollte, macht man „in echt“ Ausschneiden-Einfügen, dass heißt, man überklebte den Text entsprechend mit beschriebenen Schnipseln. Komisch, das ging auch.

Zurück zu der Satire: ich habe sie mal eingescannt. DA ist sie. „Rituelles Dösen, Ridö.“ Der Hintergrund war vielschichtig: zum einen interessierte ich mich für TM (Transzendentale Meditation – die Texte von TM habe ich gern überflogen, ha ha), für Entspannung, zum anderen habe ich mich in Konferenzen oft schrecklich gelangweilt und von Lehrkräften auch immer wieder erfahren, wie Konferenzen sie anöden und wie einen manche Dauerredner mit immer denselben „Textbausteinen“ auf die Palme bringen. Also: Ich muss irgendwo sein wo ich nicht sein möchte. Wie nutze ich diese Situation zu meiner Erholung?

Außerdem habe ich in der Satire Zeitgeist verarbeitet. „Sozialistisches Lager“ in seiner wahren Bedeutung. Viel Spaß!

16 Finanzkrise

Goldrausch. Es kriselt mal wieder in der Weltwirtschaft. Ein Klima der Angst breitet sich aus. Rette sich wer kann. Versteht jemand noch die Zusammenhänge? Ich habe mich entschlossen, auf meiner Webseite eine Sparte Finanz einzurichten. Das hat mich erst einmal gezwungen, mich selber einzulesen und zu informieren. Das Ergebnis meiner Recherche befindet sich hier: http://uwewiest.de/Finanz.html

Sehr lesenswert, wie kann es anders sein, finde ich den Artikel von Volker Dittmar, Dipl.-Psych. Wie stehe ich denn selber zur Geldkrise, Inflationsdrohung? Ich konsumiere. Was ich habe, habe ich. Neue hochmoderne Küche, neue Couch. Verreisen. Geld auf dem Konto nützt mir nicht viel. Langfristige Anlagen machen wenig Sinn, Jahrgang 42!

31.08.11

15 Sex und Politik im deutschen Norden

Was hat Dr. Christian von Bötticher eigentlich Verwerfliches getan? Da haben wir einen etwas farblosen politischen Senkrechtstarter, und der entpuppt sich als moderner jung gebliebener Mann, der über facebook korrespondiert, und dem das passiert, wovon Männer bis ins hohe Alter träumen: Schlag bei jungen Frauen. Das macht den Herren doch richtig sympathisch. Da kriegt der Terminus „Junge Union“ doch mal eine aufregende neue Bedeutung!

Keine Nutten in Budapest, kein Herummachen an einer Hotelangestellten, keine verleugnete uneheliche Vaterschaft, eine ganz normale und legale heiße Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau.

Herr Bötticher hat sich als Politiker durch etwas Anderes disqualifiziert: die vorauseilende Selbstverurteilung, keine Stiernacken-Mentalität, kein Talent zum Ausitzen. Zu sensibel, am Ende doch zu verklemmt. Anstatt locker zu kontern weint er. Na ja.

Bei der heftigen Reaktion der Platzhirsche in der Nord-CDU handelt es sich offenbar um Sexualneid. Verstimmte Leitbullen.

Siehe: 14.08.2011 - Dr. Christian von Boetticher MdL - Persönliche Erklärung

geschrieben am 26.08.11

14 Die Doppelbesetzung

Kürzlich habe ich in einer Regional-Fernsehsendung einen Pädagogik-Professor die Vorzüge der Doppelbesetzung preisen hören. Zwei Lehrkräfte permanent in einem Klassenraum, das Zukunftsmodell im Unterricht.

Ich erinnere mich gern daran, wie die damalige Bremer Bildungssenatorin Frau Kahrs immer ganz streng wurde, wenn man ihr mit der Doppelbesetzung kam: „Nicht finanzierbar. Darüber diskutiere ich nicht.“ Doppelbesetzung, das ist GEW. Genauso wie „Kleine Klassen.“ Fragen Sie mal Schüler, wie sie das finden, mit zehn Kindern in einer Klasse zu sein. Ich habe das als Psychologe erlebt, wenn es das an irgendeinem Standort mal gab: Öder Frontalunterricht. Jede Bewegung von Schülern wurde registriert. „Big Brother“ in der Schule. Auch die Doppelbesetzung hat was vom „Big Brother“: Deine Lehrerin sieht dich. Jetzt im Doppelpack.

Also: Zwei Lehrkräfte in einer Klasse: das bedeutet mehr Kontrolle über Schüler. Außerdem müssen sich beide Lehrkräfte auf ein Unterrichtskonzept einigen. Unterrichten können nicht beide gleichzeitig, also eine Lehrerin oder ein Lehrer übernimmt zeitweise eine Hilfsfunktion für einzelne Schüler. Das ist nicht immer angenehm und trägt nicht zum selbständigen Lernen bei. Auch sogenannten schwachen Schülern ist eine direkte Hilfe während des Unterrichts, vor allem, wenn sie permanent erfolgt, zu dominant. Die direkte Unterstützung durch die Lehrkraft, die nicht den Klassenunterricht hält, ist auch gruppendynamisch ein Problem, vor allem, wenn es immer dieselben trifft. Die Doppelbesetzung ist dem Gruppenunterricht nicht zuträglich. Lehrkräfte, die vom Frontalunterricht weg wollen hin zu selbständigem, selbstbestimmten Arbeiten, werden in der Doppelbesetzung keinen Vorteil sehen.

Wichtiger ist, dass die Lehrkräfte, die Parallelklassen unterrichten, ihre Bemühungen und Erfahrungen abstimmen und austauschen. Das geht am besten, wenn den Lehrerinnen und Lehrern Zusatzstunden zur Verfügung stehen, die sie zu gegenseitigen Hospitationen nutzen. Unbeteiligten Beobachtern fällt manches auf, was Unterrichtende nicht bemerken. Vieles lernt man auch durch Beobachtung. Lernen durch Beobachtung ist eine mächtige Methode. Etwas mitzuerleben ist viel überzeugender als etwas beschrieben zu bekommen.

12.08.11

13 Die psychosoziale Funktion des Gottesglaubens

Typisch für die Gründung und die Verbreitung von Religion ist nicht der Gottesglaube und der Kontakt im Gebet zu Gott einzelner Personen. Eine Religion ist immer eine soziale Gemeinschaft mit Vorschriften und Ritualen. Dazu benötigt man einen Propheten oder Messias und eine Priesterschaft. Die Religion wird durch Überzeugung und Missionieren verbreitet, aber durchaus auch durch geindselige Handlungen gegen Andersdenkende. Dazu gehört zum Beispiel die Entweihung von Heiligtümern anderer Religionen. Wotans Eiche umhauen. Buddha-Statuen sprengen, um die Macht- und Wirkungslosigkeit der Konkurrenzreligion zu beweisen.

Im Alten Bund des Volkes Israel war die Religion gebunden an die genetische Herkunft („auserwähltes Volk“), die Errungenschaft des Neuen Bundes ist, dass jede bekehrte Person dem erwählten Volke angehören kann – und damit auch leichter verbreitet wird.

Zur Religion gehört auch der Kampf gegen falsche Propheten und Herätiker (Abweichler), und die Definition der wahren Lehre. Gelingt es nicht, sich auf die eine wahre Lehre zu einigen und auch nicht die Herätiker „auszuschalten“, oft genug körperlich, entstehen neue Sekten und Kirchen.

Von einer bestimmten Größe an wird die Religion eine politische Kraft. Die weltlichen Herrscher arrangieren sich mit der Religion, oft genug setzten sich Herrscher selber als Kirchenführer ein („Caesaropapismus“), so der russische Zar. Die Krönung von Königen geschieht durch die Priesterschaft der Herrschafts-Religion. Dominiert die Religion in einem Lande, wird sie zur Staatsreligion und hat es nicht mehr nötig zu überzeugen. Sie hat unter Umständen eine eigene Gerichtsbarkeit („Inquisition“).

Die Vertreter der Priesterschaft benahmen sich in der politisch sicheren Situation oft wie Menschen, die sich ganz sicher sind, dass es keinen Gott gibt, zumindest keinen, der ihre Schandtaten verfolgt, weder im Diesseits noch im Jenseits.

Positiv ausgedrückt: die Religion trägt zur öffentlichen Ordnung bei, das Berufen auf einen mächtigen Gott, die Autorität, hindert gläubige Menschen am Verstoß gegen die Menschlichkeit. Gott sieht alles. Wer es glaubt.

Bei jungen Religionen setzt der Gottesglaube mächtige Kräfte frei. Die alten Kinder Israels wuchsen in ihrer Kriegsbereitschaft, in ihrem Mut, über sich selbst hinaus. Die Anhänger des jeweiligen Gottes, das sind die Davids, den den übermächtigen Goliath schlagen.

Da finden wir die auch die Triebkraft der Islamisten, die dem mächtigen Ungläubigen zeigen, was die Harke ist. Ihre Stärke liegt in ihrer Wertordnung. Selbstmord, Massenmord gegen Unschuldige, das alles wird positiv bewertet, es wird mit ihrer Auslegung der Religion begründet. Ein Kämpfer mit Gott im Rücken gerät in einen Rausch der Macht.

Die religiöse Gemeinschaft, mit der Einigung auf prosoziale Standards, dem gemeinsamen Suchen nach einem Gotteserlebnis, der Entlastung vor dem eigenen schlechten Gewissen, der Hoffnung, kann natürlich sehr schön sein. Sie hilft über Schicksalsschläge hinweg und nimmt die Angst vor Schmerzen und Tod. Wenn es gut läuft.

Erstaunlich ist, dass gläubige Menschen in keinerlei Zweifel an ihrem persönlichen Gott geraten, wenn doch deutlich wird, dass sich Schicksalsschläge, Erdbeben, Kriege, Verbrechen, oft gegen Unschuldige, Wehrlose richten. Leute werden von einstürzenden Kirchen begraben, in Kirchen ermordet. Was ist das für ein Gott, was für eine Schöpfung, in der so etwas möglich ist? Na ja, dafür gibt es Bibelsprüche. Es wird sogar als Stärke angesehen, sich um solche logischen Argumente nicht zu kümmern. Dazu hat man ja das Jenseits, da wird die Gerechtigkeit stattfinden.

Worum es bei der Religion nicht geht, ist die Erkenntnis im philosophischen Sinne, sondern die Teilhabe an einer gemeinsam definierten transzendentalen Welt-Ordnung. Dazu gehört die permanente gegenseitige Bestätigung, das Richtige zu glauben. Wo kommen wir hin, wenn sich jeder seine eigene Religion macht?

Schön ist es, wenn Christen und die Anhänger anderen Religionen, die Aspekte ihres Glaubens, die Gleichnisse und Festlegungen bevorzugen, die im Einklang mit allgemeinen Menschenrechten stehen, der Achtung vor dem Menschen, nicht vor einem Buch oder einem Ritual. Das spüre ich zum Beispiel bei Kirchentagen.

Ich will nicht verhehlen, dass ich zu diesen Dingen einen alten persönlichen Bezug habe. Ich war in der Jugend Mitglied einer Pfingstgemeinde. Das ist eine Glaubensgemeinschaft, deren Mitglieder „in Zungen“ reden. Der heilige Geist überkommt sie, und sie reden in einer göttlichen Sprache. In solchen Gemeinschaften geht man auch davon aus, dass die Wiederkunft Christi unmittelbar bevorsteht. Dazu gehört auch das Eintreiben der Kollekte und das Missionieren. Im Inneren herrscht eine klare Hierarchie. Ich habe irgendwann gemerkt, dass Menschen nur als funktionierende Mitanbeter etwas galten. Widerspruch löste eine ganz gewaltige Kälte aus. Als ich nicht mehr wollte, habe ich erst starken Druck bekommen, danach haben die Leute sich für mich als Person nicht mehr interessiert.

So, nun ist es raus.

10.08.11

12 Religion 2

Also, ich bin kein Religionsfeind, und ich schätze Leute sehr, die sich dem universellen Gott verbunden fühlen, daraus Kraft schöpfen und das Gute wollen. Ich singe gern als Chor-Tenor sakrale Musik, eines meiner Lieblingswerke ist „Ein deutsches Requiem“ von Brahms, wunderschön in Musik und Aussage.

Es gibt anrührende Texte, in den Psalmen, im Neuen Testament (Römer Kapitel 12). Es gibt aber keine Einigkeit, was essentiell christlich ist und was weniger und was nicht. Für manche sich christlich nennende Gruppierungen ist das Wörtlich-Nehmen der Schöpfungsgeschichte („Kreationisten“) wichtiger als Verantwortung und Nächstenliebe. Wo der Mensch missachtet wird, wird Gott zum Götzen.

29.07.2011/06.08.11

11 Die zehn Gebote

Immer wieder höre ich Leute sagen, die zehn Gebote seien Ausdruck einer universellen Ethik, das könnte eigentlich jede und jeder unterschreiben. Ich habe mir die alttestamentarische Fassung (2. Mose Kapitel 20, Verse 1 bis 17, 5. Mose Kapitel 5, Verse 5 bis 21) und die Fassung Martin Luthers durchgelesen, und wollte auf meiner Seite einen Artikel dazu schreiben. Wie das so ist, das haben andere schon vorher getan. Trotzdem möchte ich einige Punkte herausstellen:

In allen Fassungen findet sich eine merkwürdige Reihung – wenn die Reihenfolge der Gebote ihrer Wichtigkeit entspricht, so drehen sich die zentralen Aussagen um die Anerkennung des biblischen Gottes. Gleichzeitig wird mit dem ersten Gebot eingeräumt, dass es sehr wohl andere Götter gibt, zu denen man sich bekennen könnte, denn sonst wäre das erste Gebot sinnlos.

Den Sabbat zu heiligen kommt noch vor „nicht töten“ und „nicht stehlen.“ In der Werkstatt basteln am Sabbat ist schlimmer als den Nachbarn zu erschlagen?

Im Alten Testament werden gegen das Anbeten fremder Götter und gegen den sogenannten Missbrauch des Gottesnamens drakonische Strafen verordnet. Lesen sie mal 5. Mose, Kapitel 13. Da wird im Zusammenhang mit den zehn Geboten detailliert zum Mord an Andersgläubigen, Einzelmenschen und den Bewohnern ganzer Städte aufgerufen. Von Gott!

Zeigt weiter mit dem Finger auf den Koran, ihr Anhänger der jüdisch-christlichen Tradition!

Im zehnten Gebot wird die Frau den Sklaven (dort festgeschrieben, später werden Sklaven euphemistisch als „Knecht“ oder „Magd“ bezeichnet) und dem Vieh gleichgeordnet. Die eigene Immobilie hat im 2. Buch Mose ein eigenes 9. Gebot. Sie gehört natürlich dem Mann.

Die zehn Gebote sind nicht human, nicht universell und nicht friedensstiftend.

Das Problem ist nicht, wie es oft dargestellt wird, der Islam, sondern die Religion. Die monotheistische Religion. Die Verehrung und Verabsolutierung eines ganz bestimmten Gottes, einer ganz bestimmten Heiligen Schrift, eines ganz bestimmten gottähnlichen Religionsgründers, mit detaillierten Vorschriften, wie man konkret zu leben und welche Riten man durchzuführen hat. Mit Vorschriften, was mit den falschen Propheten, den Ungläubigen geschehen soll. Wenn die Drohung mit der Hölle nicht ausreicht, darf und soll man schon mal selber Hand anlegen.

Religion ist nur in hoher Verdünnung genießbar, sonst wird sie unmenschlich. Aber dann kann es ganz nett sein. Tradition, Gemeinschaft, gegenseitige Sympathie und Hilfsbereitschaft ...

Die Errungenschaft des Abendlandes ist nicht das Christentum, sondern die Aufklärung, die Säkularisierung, die Trennung von Kirche und Staat, die Entmachtung der Kirche als diesseitige Organisation, die Beschränkung des religiösen Glaubens auf den persönlichen Bereich, und vor allem der philosophische Humanismus, das Bekenntnis zu universellen Menschenrechten. Leute, die in der Einsamkeit von Gott persönlich diktierte Suren schreiben, die von Gott beschriftete Steintafeln mit Sprüchen vom Berg heruntertragen oder die behaupten Gottes Sohn zu sein, und die ihre Aussagen damit legitimieren, sind mit einer gewissen Distanz zu betrachten, gelinde gesagt.

Übrigens: ich bezeichne mich nicht als Atheisten. Ich muss mich nicht mit einem A-Begriff bezeichnen lassen, weil ich kollektive Hirngespinste nicht teile. Ich definiere mich nicht als Negation. Ich bin auch kein Nichtraucher. Anders ausgedrückt: ich rauche nicht, und das ist der Normalzustand. Nicht der Nichtraucher, sondern der Raucher ist ein Nicht. Ich glaube übrigens auch nicht an die schwarzen Löcher unserer modernen Himmelsbeschreiber. Das sind billige Bilder astrophysikalischer Zustände, die mit dem, was man manchmal in den Socken hat, nicht viel zu tun haben.

Wenn Sie mich fragen, woran ich glaube, kann ich Ihnen das klar sagen: Ich glaube fest an das Böse im Menschen. Dass Böse hat sich nach kurzer Zeit des Christentums bemächtigt, Jesus ist am Kreuz gestorben, aber die Römer haben in der katholischen Inquisition ihre Meister im Foltern und seelischen Vernichten gefunden. Das Böse macht aus jeder guten Sache schnell etwas Schlechtes. Aus dem Kommunismus wurde Stalin. Aus Vaterlandsliebe wurde Hitler. Trotz allen wissenschaftlichen Fortschritts gibt es brutale Kriege, Hunger, Folter, hemmungslose Besitzgier, jemand erschießt stundenlang Jugendliche, um das Land vor dem Fremden zu retten, Scharfschützen knallen ruhige Demonstranten ab, pseudoreligiöse Selbstmörder glauben, es sei Gottes Auftrag, unschuldige Menschen in die Luft zu sprengen, sie machen vor Gotteshäusern anderer Konfessionen nicht Halt. Was Gott ist, weiß ich nicht, aber das Böse ist konkret und alltäglich. Es lauert in jedem von uns. Auch in mir. Oh, es fühlt sich komisch an, das zu schreiben.

Warum das alles jetzt? Norwegen. Somalia.

28.07.2011

10 Spaß beim Reimen

Ein uns gut bekanntes Paar heiratet, nach einer sehr langen Verlobungszeit. Ich habe eine fünfseitige gereimte Laudatio geschrieben, wie schon für viele Feiern vorher. Ich reime so drauf los und habe Spaß an Wortklaubereien. Zum Beispiel: „Ihr werdet bestimmt in Hannover 96“. Oder, für ein Schneiderpaar: „Sie trafen sich abends um sieben auf einen Streich.“ Für einen Dachdeckermeister: „Ein dreifaches „Flachdach, Flachdach, Flachdach.“ (Flachdächer sind leicht undicht und insofern eine Goldgrube für Dachdecker). Dabei spiele ich mit Wortähn­lichkeiten und der Verwechslung wörtlicher und übertragener Bedeutung. Auch das Vortragen macht mir Freude. Ich habe so manchen Brüller erzeugt. Ja, wenn ich mich rechtzeitig entschieden hätte – ich hätte gern Kleinkunst und Kabarett gemacht. Dazu muss man natürlich den Mut aufbringen.

Aber auch in der psychologischen Beratung ist mir mein Sprachtalent, mein Jonglieren-Können mit Wörtern, sehr zugute gekommen.

21.07.11

9 Comte-Sponvilles 2. Ordnung

Sponville akzeptiert den Kapitalismus, weil es in der Geschichte bisher keine Alternative gibt. Mit seinem System kann man auch die Parteienlandschaft gut einordnen. Konservative und Sozialdemokraten unterscheiden sich, im Prinzip, hinsichtlich der Bereitschaft, kapitalistische Auswüchse in Richtung Ungleichheit und Ungerechtigkeit einzudämmen. Konservative sind eher wirtschaftsnah, Sozialdemokraten gewerkschaftsnah.

Daher auch die gegenseitigen Urteile: die Konservativen sind auf Seiten des Kapitals, der Unternehmen. Die Sozialdemokraten haben keine Ahnung von Wirtschaft und können nicht rechnen.

Die Linken sind nicht einfach rigorosere Sozialdemokraten, was den Schutz der Finanzschwachen angeht. Sie wollen den Kapitalismus abschaffen. Für eine vage kommunistische Utopie, die angeblich ganz anders aussieht als UdSSR und DDR. Comte-Sponville beschreibt sehr schön, wohin das geführt hat: Von der intellektuellen Avantgarde zu Stalin und Breschnew. Viele Wähler spüren: die Linken wollen das Ganze noch mal probieren.

Die Sozialdemokraten kommen aus ihrem Tief nicht heraus, weil sie dem Ultra-Liberalismus in die Hand gespielt („Globalisierung: dagegen kann der Staat nichts machen“: Vernach­lässigung der 2. Ordnung) und als Programm den Schutz der Lohnabhängigen und Armen nicht wieder entdeckt haben. Man glaubt ihnen die Sozialdemokratie so wenig wie der CDU das gelebte Christentum. Wie beim schlechten Joghurt sind da keine echten Zutaten drin. Das führt zu Wahlmüdigkeit. Sind die Grünen bessere Sozialdemokraten? Warten wir es ab.

Die gegenwärtige Finanzkrise ist eine Krise der zweiten Ordnung (wenn man so will, auch der Ordnungen 3 und 4) und keine des Kapitalismus.

12.07.11

8 Kapitalismus und Moral

Im Urlaub habe ich das Buch von André Comte-Sponville „Kann Kapitalismus moralisch sein?“ gelesen. Philosophie am Pool? Mir hat das Spaß gemacht, weil der Schreibstil des Autors erfrischend und klar ist, wie kroatisches Adriawasser. Daher habe ich es mir gleich zweimal hintereinander gegönnt.

Er geht von vier Ordnungen aus, die getrennt betrachtet und immer gleichzeitig berücksichtigt werden müssen.

1. Die technowissenschaftliche Ordnung, da hinein gehört auch die Wirtschaft, die Unternehmen, die Geldwirtschaft;

2. die rechtlich-politische Ordnung, die Auswüchse des Kapitalismus bremsen soll oder aber die ultra-liberale Barbarei zulässt;

3. Die Ordnung der Moral (was wir aus Pflichtgefühl tun);

4. Die ethische Ordnung (was wir aus Liebe tun).

Der Kapitalismus ist für Comte-Sponville amoralisch, das heißt moral-frei, nicht unmoralisch. Unternehmen sind primär auf Gewinn aus, Unternehmens-Moral ist Unsinn. Moral kann nur der Einzelne haben, also nicht das UnternehmEN, aber der UnternehmER. Moral ist im übrigen ein Ersatz für Ethik, für die mitmenschliche Liebe. Alle vier Ordnungen haben ihre Berechtigung, die Vermischung der Ebenen führt zur Lächerlichkeit, zu Tyrannei oder zu Blauäugikeit. Der Chef, der geliebt werden will. Die Suppenküche für Arme statt ordentliche Gesetze, die die Grundversorgung sicherstellen. Die Großzügigkeit (Ordnung 3) statt verordneter Solidarität (Ordnung 2). Kritisch zu sehen sind Gesetze, die die Unternehmen entlasten (Lohnnebenkosten, Leiharbeit), mit der Hoffnung, dass diese moralisch sind und neue Arbeitsplätze schaffen statt mir dem Ersparten die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern (z.B. Preissenkungen). Vermischung von 1,2 und 3.

Comte-Sponville rechnet in seinem Buch mit Marx und Trotzki ab, die die Wirtschaft moralisch machen wollten und zu dem bekannten moralischen Desaster des Kommunismus beigetragen haben. Er behandelt auch die Rolle der Religion.

Diese kleine Zusammenfassung ist natürlich sehr holzschnittartig. Es lohnt sich, das Buch zu lesen. Es besteht übrigens aus der eigentlichen Abhandlung und einem zweiten Teil, in dem André Comte-Sponville verschiedene Einwände diskutiert.

11.07.11

7 Die Schul- und Berufswahl

… wird aufgrund von Informationen – und aufgrund von Emotionen und sozialem Druck getroffen. Was traut der junge Mensch sich zu? Was sagen die Eltern, die Geschwister, die Freunde? Gibt es Tabus? Handwerk in der Akademikerfamilie zum Beispiel? „Männliche“ Berufe für Mädchen? Darf ein Junge Tänzer werden? Welche Bilder hat jemand im Kopf bei dem Wort „Kaufmann“? Oder „Verwaltungsangestellter“? Oder „Dekorateur“? (weibliche Form mitgedacht).

Ich will das hier gar nicht weiter vertiefen, sondern nur ansprechen, dass Schul- und Berufsberater genau diese Emotionen erfragen sollen, beziehungsweise zuhören, wenn junge Leute von ihren Gefühlen und Einstellungen berichten. Am Ende muss der Gedanke an eine bestimmte Ausbildung ein Mindestmaß an Vor-Freude beinhalten.

Eine große Leistung von Thomas Gordon ist die Entdeckung, dass auch Trost und Lob in der Beratung wirkungslos oder gar destruktiv sein können. Sagen Sie mal einem Menschen, der sich für künstlerisch völlig unbegabt hält oder für eine mathematische Niete, dass dem nicht so ist. Reden Sie jemandem den Gedanken „Ich kann das nicht“ mal eben aus! Das ist mit einem Widerspruch nicht getan, da muss der Berater therapeutisch dran arbeiten. Dazu gehört erst einmal, dass man das Selbstbild eines Menschen genauer kennen lernt. Woher hat mein Gegenüber diese Meinung über sich? Welche Erlebnisse und Rückmeldungen von anderen haben dazu geführt?

Jeder Gärtner weiß, dass Pflanzen den für sie geeigneten Boden brauchen. Genauso ist es mit den Informationen. Natürlich muss ich als Schul- und Ausbildungsberater sehr gut informiert sein und Informationsquellen kennen und empfehlen. Die Fakten müssen aber auf einen geeigneten seelischen Boden gelangen, sonst ist das Ganze sinnlos.

Wenn eine Hauptschülerin sagt, sie müsse auf jeden Fall Abitur haben, zeige ich ihr den Weg da hin auf. Weiß sie, dass es Erwachsenenschulen gibt, dass man das Abitur auch später nach einer Berufsausbildung machen kann? Ist es möglich, dass die Wertschätzung in der Familie nur mit dem Abitur zu erreichen ist, oder glaubt sie das wenigstens? Wie kann sie damit umgehen? Was glaubt sie, wie es kommt, dass sie nicht im Gymnasium ist? Eigenes Verhalten, Begabung, Probleme mit bestimmten Lehrkräften, Krankheit usw. usw.?

Berater müssen offen sein, zuhören können, den inneren Dialog einer Person in Schwung bringen, Menschen mit ihren Vorstellungen erst einmal akzeptieren, und vor allem ein bisschen Zeit haben.

Ja ja, es gibt natürlich Leute, die wollen wirklich nur Informationen. Die sollen sie auch haben.

11.07.11

6 Wenn der Berater weiß, was richtig für jemanden ist - eher und lieber nicht …

30 Jahre nach Erscheinen der Bücher „Familienkonferenz“ und „Lehrer-Schüler-Konferenz“ von Thomas Gordon. Siehe HIER erinnere ich daran:

Was gehört zu wirksamen Beratern? Neugier auf die innere Welt der Schülerinnen und Schüler, deren Ansichten, Gedankenkonstrukte, Gefühle, Lebensumstände, die Bereitschaft, mitzudenken statt vorzudenken, Anregungen geben statt Einreden. In die Welt des anderen eintauchen und nicht sich selber darstellen. Eigene Gefühle in Gesprächen wahrnehmen und als diagnostische Anzeichen verstehen … Je weniger ein Berater redet, desto bedeutsamer werden seine Worte wahrgenommen. Vorschläge macht der Berater, wenn die Gesprächspartner aufnahmebereit sind. Sonst verschießt man nur sein Pulver.

12.10.11

5 Kindergärten und Schulen in Bremen

Schade. Auch dieses Mal ist es den Bremer Wahlsiegern kein Anliegen gewesen, Schule und Kindertagesstätten in einem senatorischen Bereich zusammenzufassen. Es bleibt wie es ist: es wird weiter umständliche Abstimmungen zwischen den Ressorts Bildung und Soziales geben. Das, obwohl die Verzahnung von frühkindlicher und schulischer Förderung so wichtig ist.

04.07.11

4 Mit der Olivetti CWP1 verfasst

Seit 1993 schreibe ich mit einem PC, angefangen habe ich mit Windows 3.11 und DOS. Heute bin ich fast ausschließlich mit ubuntu unterwegs. Der technische Lebenseinschnitt hat dazu geführt, dass alles, was ich mal geschrieben habe und das sich nicht in eine .doc, .sdw., .odt oder .pdf-Datei verwandelt hat, als Papier in irgendwelchen Ordnern ruht. Oh, ich habe vergessen, bis 1978 habe ich einiges bei Klett und Kohlhammer veröffentlicht, das sind natürlich Sachen, die längst vergriffen sind. Zum Beispiel mein Büchlein „Schulpsychologie“.

Jetzt bin ich mal dabei gegangen und habe einige ältere Artikel und Materialien hervorgekramt und eingescannt. Geschrieben mit der Olivetti CWP 1 mit integriertem Neun-Nadeldrucker, der im Schönschriftmodus zweimal über das Papier lief. Das Betriebssystem konnte schon viel, hatte ein leistungsfähiges Schreibprogramm und eine Rechenfunktion, war aber nicht auf DOS/windows übertragbar („Fremdkörper in Cassettenschacht“).

Ich habe einen Artikel über Schulberatung gefunden, eine Erwiderung auf ein Bremer Schulbehördenpapier zur Autonomie der Schulen, Artikel und Trainingsmaterial für die Gewalt-Prävention.

Auf meine Analyse des Autonomie-Papiers aus psychologischer Sicht habe ich leider keine substantielle Antwort erhalten. Beim erneuten Lesen finde ich sie nach wie vor stark, sehr stark. Stichwort: die Schulen werden autonom, unter strenger juristischer und schulaufsichtlicher Kontrolle. Der damalige Staatsrat ist längst nicht mehr im Dienst, ich auch nicht, da wage ich die Veröffentlichung an dieser Stelle. Sie mag auch als kurze Einführung in die Transaktionsanalyse dienen.

In Bremerhaven habe ich mal ein Referat vor Schulleitungen gehalten, zum Thema Gewalt-Prävention. Die eisige Gesellschaft auf dem Mars – von Freundlichkeit bedroht. Die leitenden Damen und Herren fühlten sich gut unterhalten.

17. Juni 2011

3 Verständlichkeit von Texten

Haben Sie bei manchen Texten nicht auch schon mal den Eindruck gehabt: die Schreiber verbergen hinter einem aufwändigen Satzbau und vielen Fremdwörtern, dass sie nur wenig zu sagen haben?

Friedemann Schultz von Thun hat in seiner Forschungsarbeit heraus gefunden, dass die Verständlichkeit von Texten und damit das „Ankommen“ beim Leser, beim Zuhörer, beim Lernenden keine Glücksache ist, sondern sich durchaus steigern lässt. Die vier Dimensionen der Verständlichkeit sind Einfachheit, Kürze-Prägnanz, Gliederung-Ordnung und zusätzliche Stimulanz. Es konnte nachgewiesen werden, dass entsprechend umgewandelte Texte tatsächlich zu verbesserten Behaltens- und Lernleistungen führen.

Werner Stangl hat das Konzept in einem Arbeitsblatt ausführlich beschrieben.

18. Mai 2011

2 Einfaches Rechnen

wird von vielen in höheren Schuljahren nicht ordentlich beherrscht. Wer das Kleine 1 mal 1 nicht im Schlaf kann, vergeudet seine Zeit und Energie beim schriftlichen Multiplizieren und Dividieren, beim Bruchrechnen, bei der der Buchführung in bei der höheren Mathematik. Dabei gibt es eine verhaltens­psychologisch begründete einfache Lernhilfe:

Uwe Wiests Training, oben links, macht dich, macht Sie zu einem 1mal1-Profi. Versprochen.

Auf der Seite finden Sie übrigens auch Online-Trainer zum Rechnen. Alles kostenlos.

18. Mai 2011

1 Supervision und Coaching

Zusammenarbeit kann eine schöne Sache sein. Man ergänzt sich gegenseitig, trägt gemeinsam Verantwortung, lernt voneinander. Wenn Leute im Team arbeiten, ist es wie in einer WG: es gibt unterschiedliche Auffassungen, wie die Dinge laufen sollten, und jeder hat seine Eigenarten, die von anderen nicht immer geschätzt werden.

Manchmal verfestigen sich zeitweise Gereiztheiten zu einer dauerhaften Abneigung, unangenehme Vorkommnisse werden abgespeichert, negative Vorhersagen werden gemacht. Wir nannten das früher „Rabattmarken-Sammeln“. Am Ende wird das Buch eingetauscht, und es kommt zum Krach.

Oft landen Leute in einem gemeinsamen Team, ohne sich die Zusammenstellung ausgesucht zu haben. Dann sind manchmal schon negative Vorerwartungen da. Besonders gravierend ist das in einem Leitungsteam. Eine Schule, die von einem Schulleitungsgremium abhängig ist, das sich nicht grün ist, das macht keinen Spaß.

Manche Menschen haben unangenehme Verhaltensweisen drauf, die alle nerven, aber keiner spricht ein offenes Wort.

Vor allem werden in schlecht funktionierenden Teams Kräfte verbraucht. Der Stress kann höher sein als der des sonstigen Berufslebens.

Coaching oder Supervision setzt da an. Die Supervisorin sorgt für ein akzeptierendes Klima, in dem man sich gegenseitig besser kennen lernen kann, weil zugehört wird. In der Supervision werden außerdem Problemlösungs-Strategien vermittelt und die Rückmeldungs-Kultur verbessert.

In den Neunzigern habe ich angehende Verhaltenstherapeuten supervidiert und Lehrerkollegien. Und – ich habe angehende Beratungslehrer in Gesprächsführung fortgebildet und supervidiert. Das Material habe ich überwiegend mit einer Olivetti-Bildschirmschreibmaschine erstellt, das war ein Gerät mit einem sehr schlichten Hitachi-Betriebsystem. Ich habe die Bögen für Sie eingescannt, weil ich beim Wiederfinden der Materialien richtig begeistert war. Sie auch?

3. Mai 2011